Namhafte Bildungsexperten stellen sieben Forderungen an die Politik.
Dresden. Am Vorabend zum Bund-Länder Bildungsgipfel trafen sich in Dresden 22 Experten aus der Bildungspraxis. In einem dreistündigen computerunterstützten Workshop erarbeiteten die Schulpraktiker einen Forderungskatalog, der sich an die verantwortlichen Politiker richtet. Schwerpunkt dieses Praxisgipfels war es, den Schulalltag in den Mittelpunkt zu stellen. Ergebnis: Schule muss anders gelebt werden!
Aus einer Vielzahl von konkreten Verbesserungsvorschlägen wurden sieben zentrale Forderungen entwickelt, die aus Sicht des Praxisgipfels höchste Priorität haben.
Der Meinungsbildungsprozess im Workshop, den Oliver Kannapin von „Transformationsberatung GmbH“ moderierte, verlief durchaus kontrovers. Die sieben Forderungen bilden die Mehrheitsmeinung ab. Das bedeutet aber nicht die uneingeschränkte Zustimmung jedes Experten zu jeder Forderung.
1. Zum Thema “Förderung sogenannter Risikoschüler” fordern 97,1 Prozent, dass die Schulen und Lehrer Anreize erhalten, die sog. Risikogruppen individuell besser zu fördern; und dazu durch pädagogisches Fachpersonal unterstützt werden.
2. Zum Thema “Lebensnahe Schule” fordern 94,1 Prozent, dass der Unterricht sich nicht auf Wissensvermittlung beschränkt, sondern sich an einer umfassenden Persönlichkeitsbildung ausrichtet; einschließlich Einbindung von wirtschaftlichen, sozialen und künstlerischen Praktika.
3. Zum Thema “Lehrerbildung” fordern 88,9 Prozent, dass sich die Ausbildung zum Lehrer stärker an den späteren Anforderungen im Beruf orientiert. Dazu muss die universitäre Lehrerausbildung zertifiziert werden. Die kontinuierliche Fortbildung von Lehrern muss verbindlich werden.
4. Zum Thema “Vernetzung” fordern 88,9 Prozent, dass Pädagogen, Schüler, Eltern, Unternehmen und Behörden sich in der Region systematisch vernetzen, um für Entwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen Verantwortung zu übernehmen.
5. Zum Thema “Unterrichtsqualität” fordern 87,5 Prozent, dass Lehrer in Teams arbeiten und innerhalb der Schule gecoacht werden.
6. Zum Thema “Integration” fordern 86,7 Prozent, dass die Sprachfähigkeit der Schüler frühzeitig und kontinuierlich gefördert sowie mehrfach festgestellt wird; zudem soll das Verständnis für unterschiedliche Kulturen gestärkt werden und kulturelle Vielfalt zum Schulalltag gehören.
7. Zum Thema “Fokus auf den Schüler” fordern 84,2 Prozent, dass die Schule konsequent schülerorientiert arbeitet und die Schülervertretung als wichtiges Element einbindet.
„Der Workshop hat mir gezeigt, dass die Schulpraktiker die ausgetretenen pädagogischen Pfade verlassen wollen und in den Mittelpunkt der Schule das gelingende Leben der Schüler stellen“, erklärte Gipfel-Teilnehmer Ernst Fritz-Schubert, Initiator des Schulfachs Glück.
Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), lobte den Praxisgipfel als wichtiges Signal: „Es ist hervorragend, dass hier überhaupt die Möglichkeiten geschaffen wurde, dass die Praxis in der Bildungspolitik zu Wort kommt. Diese sieben Forderungen brauchen Geld, Zeit, qualifiziertes Personal und ein motivierendes Lernumfeld. Die Praktiker erwarten vom Qualifizierungsgipfel eine klare Gesamtstrategie zur Umsetzung.“
Peter Daschner, Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg, betonte den besonderen Charakter des 7-Punkte-Katalogs: „DieErgebnisse sind keine bloßen Forderungen an andere, sondern vor allem auch eine echte Selbstverpflichtung der Bildungspraktiker, die wir in unserem Alltag erfüllen wollen.“
Der Veranstalter des Praxisgipfels, INSM-Geschäftsführer Max A. Höfer, sagte: „Es ist ein großer Erfolg, dass der Praxisgipfel viele unterschiedliche Positionen an einen Tisch gebracht hat. Die sieben Forderungen unterstreichen, wie groß die Reformbereitschaft bei den Bildungspraktikern ist. Es geht darum, wie wir Lehrer motivieren. Dafür brauchen die Schulen Vorgaben, an denen sie sich messen lassen müssen.“
Die Teilnehmer des Bildungsgipfels der Praxis:
Tina Lehnigk, Schülerrat Sachsen
Christian Boettger, Geschäftsführung Bund Deutscher Waldorfschulen
Peter Daschner, Direktor Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI), Hamburg
Marianne Demmer, Stellvertretende Vorsitzende und Leiterin des Vorstandsbereichs Schule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Christoph Doll, Leiter Institut für „Interkulturelle Pädagogik“, Freie Hochschule in Mannheim
Hülya Eralp, Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e.V., Projekt BQM – Beratungs- und Koordinierungsstelle zur beruflichen Qualifizierung von jungen Migrantinnen und Migranten, Hamburg
Anja Hofmann, Geschäftsführerin Deutsche Bildung GmbH, Frankfurt/ Main
Prof. Dr. Eiko Juergens, Professor für Allgemeine Didaktik und Schulpädagogik, Universität Bielefeld
Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Kaminski, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter Institut für Ökonomische Bildung GmbH, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Prof. Dr. Reiner Lehberger, Professor für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft, Universität Hamburg
Anne-Marie May, Fontane-Gymnasium Rangsdorf, Berlin
Dr. Axel Plünnecke, Stellvertretender Leiter des Wissenschaftsbereichs Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik, Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln
Gerhard Pöschmann; Stellvertretender Vorsitzender Philologenverband Sachsen
Prof. Dr. Udo Rauin, Professor für empirische Schul- und Unterrichtsforschung, Universität Frankfurt am Main
Frederic Rupprecht, Landesvorsitzender der SchülerInnenkammer Hamburg.
Roman R. Rüdiger, Geschäftsführender buddY e.V., Düsseldorf
Ernst Fritz Schubert, Rektor Willy-Hellpach-Schule, Heidelberg
Prof. Anne Sliwka, Professorin für Schulpädagogik im Fachbereich Bildungswissenschaften, Universität Duisburg-Essen
Vincent Steinl, Vorstand des Bildungswerks für Schülervertretungsarbeit in Deutschland e.V. (SV-Bildungswerk)
Hendrik Stoya, Schulsozialarbeiter Gesamtschule Paderborn–Elsen
Sybille Volkholz, Leiterin Bürgernetzwerk Bildung, Berlin
Jens Weichelt, Fachverbandsvorsitzender Sächsischer Lehrerverband (SLV) des Verbandes Bildung und Erziehung e.V. (VBE)
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